Elvis forever

Elvis forever
Titelreportage für den Bremer

ELVIS FOREVER

Als Elvis am 16. August 1977 starb, war ich sechs Jahre alt. In den Fernsehnachrichten waren weinende Menschen zu sehen, die sich in den Armen lagen und trauerten. Als ich danach fragte, sagte man mir, Elvis sei an Cola gestorben. Cola war damals bei uns zuhause, das Synonym für ungesunde Lebensweise. Nur zu ganz besonderen Anlässen, wie zum Beispiel Kindergeburtstagen, wurde die Ami-Brause in Maßen geduldet. Elvis‘ Cola-Abgang vor Augen, setzte sich in meinem Kopf für lange Zeit ein bizarres Todesszenario fest: Ich stellte mir vor, Elvis habe einen Cola-Springbrunnen besessen- für mich damals der Inbegriff von Reichtum- und sei daran, den Kopf am Brunnenrand angelehnt, elendiglich zugrunde gegangen.

Titelbild des Bremer mit Elvis-Coverstory

Unsere erste BREMER-Elvis-Mission führt uns nach Bremerhaven. Hier lebt Marc Mittelacher zusammen mit seiner neunjährigen Tochter. Marc, der selbst Musiker bei der Bremer Rockabilly-Combo ‚Tin Roof Cats‘ ist und als Telefonagent bei einer britischen Fluggesellschaft arbeitet, gehört zu den erklärten Elvis-Fans, die sich noch an Elvis‘ Lebzeiten erinnern: „Das erste Mal, daß ich Elvis sah, war das ‚Aloha from Hawaii‘-Konzert 1973. Das lief damals weltweit über Satellit im Fernsehen. Daraufhin habe ich mir einen Kassettenrekorder gewünscht. Zu Weihnachten habe ich einen bekommen und eine Kassette mit Dixieland-Musik. Mein bester Kumpel bekam aber eine Elvis Kassette. ‚Die 40 größten Hits‘. Die habe ich mir sofort überspielt. Dann habe ich angefangen, fleißig Platten zu kaufen.“ Wir schauen uns beeindruckt um in dem Raum, in dem wir sitzen und über Elvis plaudern: Ein Panoptikum aus Elvis-Devotionalien, mit Elvis-Karten, Briefmarken, Fotos, einer Büste und Platten, Platten, Platten… kurz- ein Rock’n’Roll-Paradies. Großartig!
Von einer hausgemachten Elvis-Leidenschaft kann man in Marcs Fall allerdings nicht sprechen. Sein Vater ist klassischer Musiker. Rock- und Popmusik gab es zuhause nicht. Und: Marc ging auf die Waldorfschule: „Ich galt dort schon als Außenseiter, als Ewiggestriger. Ich war auch eher rebellisch eingestellt, deshalb bin ich auch auf Elvis abgefahren. In der Schule habe ich immer einen Elvis-Button getragen. Meine Lehrerin fand das nicht so passend. Daraufhin kam ich mit einem noch größeren Button an.“ Wir schütteln synchron und verständnislos die Köpfe und ich denke mir klammheimlich: Was wäre Ihnen, verehrte Lehrerin, denn lieber gewesen? Ein Rudolf Steiner-Button? Ich frage aber lieber Marc, was genau ihn so an Elvis fasziniert. Marc: „Ich finde, er ist der ehrlichste Musiker überhaupt. Der hat sich hingestellt und seine Gefühle rausgelassen, egal ob mit Begleitband oder alleine, egal, was für eine Art Musik. Man nahm ihm alles ab. Seine Stimme ist eine Jahrtausendstimme. Immer, wenn es mir schlecht ging, habe ich Elvis gehört. Seine Musik ist für mich wie ein Soundtrack zu meinem Leben.“

Auch Beate Skiba, die unter anderem als freie Hörfunkautorin arbeitet, ist die Vorliebe für Elvis nicht in die Wiege gelegt worden. Schuld an ihrer Elvis-Ergebenheit war letztendlich der schicksalhafte Gebrauch eines Schlüsselanhängers. Beate: „Das war 1993. Ich war im Ruhrpott, um einen Film zu schneiden. Ich hatte einen Schlüsselanhänger mit einem Elvis-Bild. Plötzlich kommt ein Typ mit Tolle in den Raum und fragt: Du magst Elvis? – Ja.“ Am nächsten Tag brachte er mir Geschenke. Das eine war ein Video mit Elvis‘ ‚Comeback‘, mit dem wundervollen , schwarzen Lederanzug. Das andere war eine Kassette. Abends habe ich sie mir angehört. Es waren Songs darauf, die ich noch gar nicht kannte, und ich dachte, die sind me-ga-geil! Da kamen richtige Perlen vor meine Füße.“ Fünf Jahre später traf Beate im Rahmen ihrer Hörfunkarbeit Joe Esposito in Bremerhaven, der unter anderem Elvis‘ Tourmanager war: „Ich bin für Radio Bremen hingefahren, um einen Check up zu machen, also eine kurze Abfrage, was waren Elvis Lieblingsfarben, Lieblingsblumen undsoweiter. Für mich war Esposito der Mann, der mit Elvis zusammengelebt hat, Es war für mich etwas sehr Besonderes, jemanden zu treffen, der Elvis sehr nahe war. Auf dem Weg nach Bremerhaven mußte ich tanken. Vor lauter Aufregung habe ich mich über und über mit Benzin begossen. Bevor ich dann Esposito traf, habe ich seinen Betreuer getroffen. Er rief: Was ist passiert, wie riechen Sie denn?! Er brachte mir eine Bundfaltenhose und ein Sweatshirt. Dann kam auch Esposito ganz in schwarz mit Cowboystiefeln. Das Treffen war ganz exklusiv mit ihm und seinem Betreuer in einem italienischen Lokal. Wir plauderten über Gott und die Welt und über Elvis spirituelle Beziehung zu seinem Friseur.“ Beate zeigt mir die 1993 geschenkte Kassette, die Esposito beschrieben hat. Schnell werfen wir, beseelt von Elvis und Sekt, das ‚Comeback‘-Video in den Recorder. Ein geschmeidiger Elvis in einem schwarzen Lederanzug, umringt von seiner Band, erscheint auf dem Bildschirm. Wir sitzen da und gucken gebannt. Beate sagt: „Hinter ihm sitzen zwei Frauen, auf die ich neidisch bin. Die konnten seinen Lederanzug riechen. Und hier guck!“ Ich gucke und sehe einen schwarzhaarigen Männerkopf von hinten. „Das ist Joe Esposito.“ Ein paar Takte später. „Und jetzt guck hier! Das ist der Friseur!“

Unsere nächste Station führt uns nach Stuckenborstel. Wir parken in einer akkuraten aber gemütlichen Wohnstraße direkt vor dem Zweifamilienhaus. Hier soll also ein weiterer, großer Elvis-Anhänger wohnen. Einer, der, wie mir gesteckt wurde, fast alles über Elvis weiß, es aber nicht ständig raushängen läßt? Quasi ein Elvis-Fan ‚undercover‘? Eher ‚understatement‘, wie sich herausstellen sollte.
Danny, der neunjährige Sohn von Wolfgang Cammann öffnet uns die Tür. Wir nehmen am Tisch Platz. Wolfgang klärt uns gleich auf: „Eigentlich bin ich gar kein richtiger Elvis-Fan.“ – Aha. Und was ist das für eine gigantische Plattensammlung da? – Wolfgang: “Ich würde mich eher als jemanden bezeichnen, der gerne Elvis hört. Ich habe ja auch schon ein paar Elvis-Events mitgemacht und muß sagen, das war teilweise schon greuslich. Zum Beispiel wie mit diesen ‚Elvis-Fans‘ Geschäfte gemacht werden. Mir ist das auch zu langweilig. Die sitzen da alle auf einem Haufen wie bei einer Kaffeefahrt.“
1972 kam der heute 38jährige zum ersten Mal über seinen Vater mit Elvis‘ Musik in Kontakt. Als in ihm wenig später die Leidenschaft für Elvis-Platten entflammte, fragte er sich: “Wie kommt man an diese Dinger ran? Ich war ja vorher noch nie in einem Plattenladen drin.“ Bereits 1982 hatte Wolfgang dann alle Elvis-Alben zusammengesammelt. „Dann habe ich angefangen, mich zu spezialisieren. Ich sammelte alle deutschen und englischen Originalausgaben und so ging das weiter.“
Während unseres Gespräches werden wir ab und zu von den dringenden Anfragen von Sohn Danny unterbrochen. Er möchte uns unbedingt seine Beatles-Sammlung näherbringen. Ich persönlich muß ja sagen – sorry, Danny –, daß ich die Beatles noch nie mochte. Angefangen zu hassen habe ich sie aber, als mein damaliger Klavierlehrer mir erklärte, die Beatles wären für ihn eine der wenigen akzeptablen Bands aus dem Rock- und Popbereich, weil sie nach Noten spielten. Zugegebenermaßen können die Beatles nichts für diese Aussage, aber ich fand das schon mit zehn Jahren derart spießig, daß die Beatles für mich ihren Ruf als Schmalspur-Rocker weghatten.

Unser nächster Interviewpartner Omar Edul, kann meiner These, ein Beatles-Fan genieße höheres gesellschaftliches Ansehen, als der, der sagt: “Ich steh auf Elvis, den King of Rock’n’Roll”, nur zustimmen. Aber welcher Rock’n’Roller schert sich schon um gesellschaftliches Ansehen.
Omars Elvis-Bewunderung hatte ihren Ursprung zunächst weniger in der Musik als in den Filmen. „Wenn Elvis-Filme im Fernsehen liefen war das für mich das Allergrößte. Da war ich so 6, 7 Jahre alt. Das mußte geguckt werden. Da habe ich mich immer durchgesetzt. Seine Einzigartigkeit besteht für mich darin, daß er Sachen getan hat, als erster, die sich sonst niemand getraut hat. Damals war das was Besonderes. Amerika war prüde, rassistisch, gerade der Süden, wo Elvis herkommt. Er hat angefangen, schwarze Musik zu machen. Sam Phillips vom ‚Sun‘-Studio hat das erkannt, das das was Großes werden könnte. Elvis war ein Vorreiter.“

In früheren Tagen führte Omars Elvis-Verehrung sogar schon mal so weit, daß ein respektloses Reden über den King eine Abreibung zur Folge haben konnte. Omar:“ Früher konnte ich das nicht ertragen, wenn jemand überhaupt etwas gegen Elvis gesagt hat. Der mußte damit rechnen, daß der Ärger mit mir kriegt. Aber das ist ewig her. Heutzutage… (während einer kurzen Denkpause lachen wir alle befreit)…steh ich da drüber.“ Puh!

Szenenwechsel. Tief im Westen. Wir befinden uns auf dem Gelände des Streichelzoos, einem Gröpelinger Stadtteilprojekt und treffen ‚Streichelzoodirektor‘ Joachim Jung. Im letzten Jahr bewarb sich Joachim als Leiter des Zoos. Als man ihn über das Gelände führte und die Tiere zeigte, wurde ihm auch ‚Elvis‘ vorgestellt – ein Zebu-Kalb. Joachim: „Das war ein Zeichen für mich. Ich habe eine Nacht drüber geschlafen und dann den Job zugesagt.“ Auch, wenn es sich jetzt so anhören sollte, Joachim ließe sich von ominösen Elvis-Botschaften leiten (im Ernst, Joschi: ich hätte es genauso gemacht), bedurfte die Liebe zu Elvis und seiner Musik tatsächlich einer gewissen Entwicklung. Joachim:„Das erste Mal ist Elvis in den 70ern für mich in Erscheinung getreten, als er in Las Vegas aufgetreten ist. Da war ich 16. Im Grunde hatte ich mich zu der Zeit für ganz andere Musik interessiert, T.Rex und der Hippie-Sound waren angesagt. Mit dem Tod von Elvis ist mir klargeworden, daß er eine Ikone war, der vor allem das Lebensgefühl der Nachkriegs-Generation geprägt hat. Dann kam der Punk-Sound auf. Ich habe die Tubes gehört. Irgendwo daneben schwebt auch schon immer Elvis. Damals war ich nicht Fan, aber ich mochte einige Lieder. Irgendwann habe ich angefangen, seine Platten zu kaufen und war erstaunt, was er für Songs gemacht hat.“ Seit Ende der 80er Jahre zählt sich Joachim zu den erklärten Elvis-Fans. Und überhaupt: Joachim ist auf dem Klo geboren worden (Elvis ist im Badezimmer gestorben), er hat wie Elvis einen Zwillingsbruder und sein Namenstag ist der 16. August (Elvis‘ Todestag). Zuguterletzt verpaßte man ihm in Barcelona in einer Bar, in der berühmte Flamenco-Gitarristen auftraten und Joachim eine spontane Tanzeinlage abverlangten, einen denkwürdigen Spitznamen: Elvis Flamenco! Joachim: „Elvis verkörpert für mich nicht unbedingt ein Ideal. Aber er ist der King of Rock’n‘Roll, das ist klar.“ Ich frage, was er denn an Elvis nicht gut findet. Joachim: „Diese Pillenscheiße natürlich. Sich so dichtzudröhnen, eine Comicfigur seiner selbst zu werden, das ist hart.“

Unser letztes Date in Sachen Elvis haben wir mit Reiner Wittke, dem Sänger der Bremer Band ‚Velvetone‘. Reiners persönliche Elvis-Lieblingsphase ist rund um das ‚Comeback‘-Jahr 1968 angesiedelt. Reiner: „1968 sah er am besten aus, da hatte er endlich mal eine männliche Austrahlung gehabt. Besonders gefällt mir dieses Offene, an Sachen ranzugehen und aktuelle Strömungen aufzugreifen. Das beschreibt schon, daß er ein Mensch war, der sich für viele Sachen interessiert hat. Das ist etwas, das ich für mich als positiven Einfluß bezeichnen würde: offen an Sachen drangehen und sich einen Teufel drum scheren, ob das jetzt ‚in‘ oder populär ist.“ Im Verlauf unseres Gespräches entpuppt sich Reiner als sehr weltlicher Elvis-Liebhaber, der insbesondere die in Amerika praktizierte Götzenanbetung des Elvis als Jesus-Surrogat, übertrieben findet. Ich frage deshalb: Reiner, frönst Du denn wenigstens an Elvis‘ Todestag einer bestimmten Zeremonie? Reiner: „Ich feier das schon ein bißchen. Es ist auf jeden Fall ein Gedenktag. Ich habe keine festen Rituale, daß ich eine Flasche Sekt aufmache oder eine Zigarre rauche. Aber vielleicht legt man mal seine Lieblingsstücke von Elvis auf, setzt sich hin, gönnt sich mal ne Stunde Ruhe, geht in sich und sagt: Mann, das war doch was!